„Also ganz ehrlich: ein Urlaub daheim ist doch kein Urlaub!“ sagt die im Businesslook gekleidete Frau. „Was kann man hier auch schon groß machen.“
Ich muss ein bisschen blöde geglotzt haben, denn sie schiebt noch mit einer raschen Handbewegung nach, dass sie sich daheim nicht erholen könne.
Jetzt glotze ich noch viel viel blöder. Daheim ist es doch schön. Oder nicht?
So kommen wir ins Gespräch.
„Ich bin gerne zuhause,“ sage ich und versuche es nicht wie ein Manifest klingen zu lassen. „Schon allein der Umstand, nicht so früh wie im Alltag aufstehen zu müssen, entspannt mich ungemein. Außerdem freue ich mich darauf, drei Wochen lang kein grünes T-Shirt zu tragen und saubere Hände zu haben.“ Die Frau nickt. Sie schaut mich an und sieht plötzlich das grüne T-Shirt und meine mit Erde verschmierten Hände mit anderen Augen. Sie beginnt zu erzählen: „Seit ich durchgängig im Homeoffice arbeite, brauche ich nicht mehr früh aufzustehen. Ich spare mir ja die Fahrzeit ins Büro. Aber ich bin eben ständig zu Hause. Immerzu. Da möchte ich wenigstens im Urlaub einen Tapetenwechsel.“
Ja, klar. Das ich daran nicht gedacht habe! In meinem Berufsalltag kommt Homeoffice nicht vor. Ich muss um meine Arbeit zu erledigen vor Ort sein. Ich habe jeden Tag unzählige zwischenmenschliche Interaktionen, manche nett, manche weniger angenehm. Mit meinen Kollegen kann ich zwischendurch ein Schwätzle halten, mich mit ihnen beraten oder gemeinsam eine Aufgabe bewältigen. Ich bin in meinem Job ziemlich oft im Zeitdruck. aber ich bin nie allein, geschweige denn einsam. Am Abend kann ich mich dann auf das Zuhause freuen, auf meine Couch und ein kühles Getränk.
Wie anders muss das sein, wenn man im Homeoffice arbeitet. Gleich nach dem Aufstehen und der Dusche den Rechner hochfahren und ansprechbar sein. Kein Weg zur Arbeit und die kostbare Zeitspanne währenddessen, sich innerlich auf den Tag vorzubereiten. Keine Kollegen, mit denen man kurz reden kann. Kein „Tschüss, bis morgen“ und damit auch keine Erlaubnis zum inneren Feierabend. Aus dieser Perspektive ist ein Urlaub zuhause wirklich nicht besonders verlockend.
Wir plaudern noch eine Weile über dieses und jenes und verabschieden uns freundlich voneinander.
Im Grunde haben wir viel mehr gemacht, als uns über ein paar freie Urlaubstage zu unterhalten. Wir haben es geschafft, uns die Situation der anderen anzuschauen und sie zu verstehen. Was zu Beginn der Unterhaltung fremd und unverständlich erschien, klärte sich bei näherer Betrachtung auf. Zwei unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichem Alltag und unterschiedlichen Aufgaben finden eine gemeinsame Basis: den gegenseitigen Respekt.
Es hat schon etwas für sich, andere Vorgehensweisen oder Ansichten nicht sofort zu bewerten, sondern sie sich in Ruhe anzuschauen. Irgendwie wird man dadurch um einiges entspannter und gelassener. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, man wird dabei auch klüger.
Vielleicht wäre das ja mal eine spannende Sommerchallenge: sich gegenseitig respektvoll zu begegnen und entspannt zu bleiben, statt sich zu empören.
Oder anders gesagt: „Was machst’n im Urlaub?“
Text: A. Müller