Still sitze ich da und schaue in den Nachthimmel. Mein Brustkorb hebt und senkt sich nur leicht, das Atmen fällt mir schwer. Am liebsten würde ich nicht gar mehr weiter atmen. Einfach damit aufhören. Dann müßte ich diese Schwere nicht mehr ertragen. Die Sehnsucht nach einem Menschen hat ein unglaubliches Gewicht. Es lastet auf meinen Schultern, drückt auf meinen Brustkorb. Tonnenschwere Sehnsucht raubt mir den Atem..
Wie gerne würde ich dich noch einmal halten. Dir über die Haare streicheln, deine kleine Hand in meiner Großen spüren. Ich würde alles dafür tun, noch einmal dein Lachen zu hören, in deine Augen zu schauen. Mein Kind, du fehlst mir so.
Wo soll ich hin mit mir? Wo soll ich hin mit meiner Sehnsucht?
Ich blicke in den Nachthimmel. Das ist irgendwie besser, als sich schlaflos im Bett zu wälzen.
Unzählige Sterne sind dort oben am Firmament zu sehen. Manche leuchten hell, manche haben nur wenig Strahlkraft. Ich suche mir einen hell strahlenden Stern aus, stelle mir vor, er wäre du. Denn du warst das Hellste und Strahlendste, was mir in meinem Leben begegnet ist.
Der Stern leuchtet mir direkt ins Herz. Zuerst kann ich sein Strahlen kaum aushalten, habe das Gefühl, dieses Licht bringt mein Herz zum bersten. Dann traue ich mich tief einzuatmen und plötzlich weitet sich mein Herz. Es läßt die Strahlen hinein und wärmt mich. Mein Kind, ich kann dich nicht mehr berühren, doch nun spüre ich deine Gegenwart. Mein Kind, du tust mir so gut. Du bist so weit entfernt und doch so nah. Wir sind von einem unsichtbaren Band verbunden, ein unzerreißbares, festes Band, verankert in der Mitte unserer Herzen.
Manchmal scheint es zu schwingen, dieses Band. Dann bringt es Töne in mir zum Klingen, die ich vorher nie gekannt habe. Es sind süße Klänge voller Liebe. Es sind bittere Klänge voller Trauer. Manchmal sind es auch harte Klänge voller Wut. Der Tod, der Schuft und Spielverderber, hat dir dein Leben genommen, bevor es überhaupt beginnen konnte. Der Tod nahm dir das erste Lächeln, den ersten Zahn, den ersten Schritt. Er nahm dir alle ersten Male. Aber das Band zwischen uns, gewebt aus Liebe und Sehnsucht, dieses Band kann er nicht durchtrennen. Wo Liebe ist, hat der Tod keine Macht, so sagt man. Beim Blick in den Nachthimmel höre ich den feinen, gläsernen Klang der Liebe und spüre im Hintergrund dennoch die dunklen Vibrationen tiefer Traurigkeit.
Mein Kind, du fehlst mir so.
Ich frage mich, ob ich jemals wieder frei und ohne die Last der Sehnsucht atmen kann. Ich frage mich, warum es mir so schwer fällt, dich loszulassen. Wir haben uns doch kaum gekannt. Unsere gemeinsame Zeit war viel zu kurz, um uns richtig kennenzulernen. Warum durfte dein Licht nicht hier bei mir erstrahlen? Das ist doch nicht fair! Man sagt mir, ich solle dankbar für die gemeinsame Zeit sein. Auch wenn sie nur kurz währte. Ich möchte mir nicht sagen lassen, was ich zu fühlen habe! Ich möchte am liebsten gar nichts mehr fühlen müssen.
Der Blick in den Nachthimmel beruhigt meine aufgewühlten Sinne. Ich stelle mir vor, wie dein Leuchten mich fortan begleiten kann. Denn mein Leben, hier und ohne dich, geht weiter. Ich muss mich fügen in das Unabänderliche. Ich muss aushalten, aber ich will nicht aufgeben. Die Trauer um dich, ist die größte Aufgabe, die ich in meinem Leben bewältigen muss. Ich habe mir diese Aufgabe nicht ausgesucht. Aber es hilft nicht, mich dagegen zu sträuben. Ich schaue in den Nachthimmel und kratze all meinen Mut zusammen. Es wird viel Mut brauchen, um wieder Vertrauen ins Leben zu finden. Vielleicht kann dein Licht mir dabei helfen? Dein helles Strahlen in der Nacht gibt mir die Gewissheit, dass du da bist und dass du da bleibst.
Du bist mein Licht am Firmament. Du leuchtest mir direkt ins Herz und hilfst mir, wieder Kraft zu schöpfen. In schlaflosen Nächten kann ich zu dir empor schauen, kann um dich und um mich weinen.
Du bist mein Licht am Firmament. Du gibst mir die nötige Zeit, deinen Verlust zu verarbeiten. Du stellst mir kein Ultimatum.
Du bist mein Licht am Firmament. Du machst mir kein schlechtes Gewissen, wenn ich einst wieder laut lachen und mein neues Leben ohne dich genießen kann.
Du bleibst ein Teil von mir.
Du bist mein Licht am Firmament.
Text: A. Müller